Der Zinseszinseffekt und warum er als Wunder bezeichnet wird
Du kennst den Begriff Zinseszinseffekt vielleicht noch aus der Schule. Ich zeige dir, wie er ganz praktisch mit Geldanlagen zusammenhängt. Allgemein bedeutet der Zinseszinseffekt, dass nicht nur dein eingezahltes oder angelegtes Geld verzinst wird, sondern auch die Zinsen selbst, die du bereits erhalten hast.
Vorab: Wertpapieranteile werden nicht verzinst wie das Guthaben auf einem Sparbuch. Stattdessen bezeichnet man den Zuwachs meist als Rendite. Das Prinzip des Zinseszinses greift allerdings vergleichbar.
So funktioniert der Zinseszinseffekt
Nehmen wir an, du investierst 10.000 € in einen (thesaurierenden) ETF und erzielst damit durchschnittlich 7 % Rendite pro Jahr. Im ersten Jahr beträgt der Wertzuwachs 700 € und dein Kapital steigt dadurch auf 10.700 €.
Im zweiten Jahr bezieht sich die Rendite deshalb nicht mehr nur auf die ursprünglichen 10.000 €, sondern auf das gesamte Kapital von 10.700 €.
Der Wertzuwachs im zweiten Jahr beträgt dann:
- 700 € Rendite auf die ursprünglichen 10.000 €,
- 49 € Rendite auf die bereits erzielten 700 €,
- insgesamt 749 € Wertzuwachs.
Dein Kapital wächst damit auf 11.449 €.
Die bereits erzielten Erträge tragen also – genauso wie das ursprünglich angelegte Kapital – zum weiteren Wertzuwachs bei. Genau dieser Effekt wird als Zinseszinseffekt bezeichnet.
Wir betrachten Beispiele aus meinem Buch FinanzFacetten und lernen hierfür Jasmin und Ina kennen.
- Jasmin erhält von einer Versicherung eine Auszahlung über 10.000 € und stellt sich die Frage: Sparbuch oder ETF?
- Ina zahlt mittels Sparplan monatlich einen festen Betrag in einen ETF ein. Wie kann sich ihr angelegtes Geld entwickeln?
Jasmin: 10.000 € auf einem Sparbuch
Nehmen wir an, die Verzinsung auf dem entsprechenden Sparbuch beträgt dauerhaft 0,5 % pro Jahr.
Wenn Jasmin ihre 10.000 € über 30 Jahre auf dem Sparbuch liegen lässt, wächst ihr Guthaben auf ungefähr 11.600 €. Der absolute Zuwachs beträgt damit rund 1.600 €.
Das Geld liegt auf dem Sparbuch vergleichsweise sicher und ist in der Regel verfügbar. Der Zuwachs ist jedoch mehr als überschaubar und würde möglicherweise nicht einmal die Inflation ausgleichen. Das würde bedeuten, dass sich Jasmin nach 30 Jahren von ihrem Geld weniger kaufen könnte als zu Beginn.
Jasmin: 10.000 € in einem ETF
Für die Beispielrechnung nehmen wir eine durchschnittliche zukünftige Rendite von 7 % an. In der Realität schwanken die Renditen. Die 7 % orientieren sich an historischen Werten und dienen nur als vereinfachter Rechenwert. Sie sind keine Garantie für die tatsächliche Entwicklung.
Jasmins Kapital könnte sich folgendermaßen entwickeln:
| Zeitraum | Kapital bei durchschnittlich 7 % Rendite |
|---|---|
| Start | 10.000 € |
| nach 5 Jahren | ca. 14.026 € |
| nach 10 Jahren | ca. 19.672 € |
| nach 20 Jahren | ca. 38.697 € |
| nach 30 Jahren | ca. 76.123 € |
Über 30 Jahre entwickelt sich aus den einmalig angelegten 10.000 € in dieser Modellrechnung ein Kapital von rund 76.123 € – ganz ohne weitere Einzahlungen.
Der Effekt ist zu Beginn noch relativ gering. Mit den Jahren verstärkt er sich jedoch immer weiter, weil die Rendite zunehmend auf ein höheres Kapital angewendet wird.
Beachte: Im ETF-Beispiel liegen die Renditechancen höher. Gleichzeitig ist die Wertentwicklung hier nicht garantiert. Die Kurse können schwanken und zwischenzeitlich deutlich fallen. Ein ETF eignet sich deshalb nur für Geld, das langfristig nicht benötigt wird.
Ina: Sparplan für ihre Tochter
Der Zinseszinseffekt funktioniert nicht nur mit einer größeren Einmalanlage. Auch regelmäßige kleine Sparraten können sich über einen langen Zeitraum deutlich entwickeln.
Ina hat eine Tochter. Zu ihrer Geburt richtet sie einen Sparplan auf einen breit diversifizierten ETF ein. Die monatliche Sparrate beträgt 100 €. Ina möchte ihrer Tochter das Depot zu ihrem 30. Geburtstag schenken.
Über 30 Jahre zahlt Ina insgesamt ein:
Die von Ina eingezahlten Beträge wachsen gleichmäßig. Jeden Monat kommen weitere 100 € hinzu.
Die erzielten Renditen nehmen mit der Zeit stärker zu. Denn auch die bereits erwirtschafteten Erträge können wiederum Erträge generieren. Unter der Annahme einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 7 % könnte das Depot nach 30 Jahren einen Wert von mehr als 100.000 € erreichen.
Die genaue Entwicklung hängt unter anderem von den tatsächlichen Renditen und den Kosten des ETFs (TER) ab. Die Rechnung dient daher nur zur Veranschaulichung.
Ina schenkt ihrer Tochter mit dem Depot die Möglichkeit, sich später eigene Wünsche zu erfüllen. Vielleicht führt ihre Tochter den Sparplan weiter und profitiert immer stärker vom Zinseszinseffekt. Vielleicht verwendet sie das Geld als Startkapital für eine Ausbildung, ein Studium, ein eigenes Unternehmen oder eine Immobilie. Vielleicht hat sie noch ganz eigene Ideen.
Warum wird der Zinseszinseffekt als Wunder bezeichnet?
Der Zinseszinseffekt wird manchmal als „achtes Weltwunder“ bezeichnet. Gemeint ist damit, dass sich ein zunächst kleiner Effekt über einen langen Zeitraum immer stärker auswirken kann.
Am Anfang entsteht der Wertzuwachs vor allem durch deine eigenen Einzahlungen. Mit der Zeit übernimmt die Rendite jedoch einen immer größeren Anteil. Deine bereits erzielten Erträge beginnen, selbst zum Wachstum beizutragen.
Du kannst dir das wie das Säen von Geld vorstellen: Wenn du dein Geld langfristig in Vermögenswerte investierst, kannst du ihm beim Wachsen zusehen. Der entscheidende Faktor ist dabei die Zeit.
Fazit: Zeit ist der wichtigste Faktor
Du brauchst nicht unbedingt mehrere Tausend Euro, um vom Zinseszinseffekt zu profitieren. Auch eine kleine, regelmäßige Sparrate kann sich über viele Jahre entwickeln. Und egal, ob Einmalanlage oder Sparplan: Entscheidend sind ein langer Anlagehorizont, eine passende finanzielle Grundlage und eine Anlagestrategie, die zu dir passt.
Hinweis: Dieser Beitrag dient ausschließlich der allgemeinen Information und stellt keine individuelle Anlage-, Finanz-, Steuer- oder Rechtsberatung dar. Renditen können schwanken; Verluste bis hin zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals sind möglich.
Zum Weiterlesen:
Zinseszinsrechner – Finanzfluss: Mit dem Rechner kannst du ausprobieren, wie sich Startkapital, monatliche Sparrate, Laufzeit und angenommener Zinssatz auf das Endkapital auswirken. Die Ergebnisse sind Modellrechnungen und keine Vorhersage.
Zinseszins – Finanztip: Erklärung des Zinseszinseffekts und Wirkung unterschiedlicher Laufzeiten und Renditeannahmen auswirken können.
