Beziehung vor Leistung – immer
Zuhause sollte ein Ort sein, an dem ein Kind zur Ruhe kommen kann. An dem es sich sicher und angenommen fühlt. An dem die Beziehungen stabil sind, auch dann, wenn in der Schule etwas nicht geklappt hat.
Doch wenn Hausaufgaben regelmäßig zu Streit, Tränen oder Druck führen, kann sich das Zuhause irgendwann wie eine Verlängerung der Schule anfühlen. Das ist keine gute Grundlage fürs Lernen und vor allem kein Preis, den eine Aufgabe oder eine Note wert ist.
Keine Hausaufgabe ist wichtiger als eine intakte Beziehung zwischen Eltern und Kind.
Lernen ist nicht rein sachlich, sondern an Emotionen geknüpft, die die Motivation beeinflussen. Angst, Druck und die Vermeidung von negativen Konsequenzen können dazu führen, dass Kinder lernen. Sie führen aber häufig auch dazu, dass das Lernen an sich langfristig mit diesen Gefühlen verknüpft wird.
Es gibt glücklicherweise auch andere Motivationsauslöser, etwa Interesse an den Inhalten, positive Beziehungen zu Mitlernenden und Lehrkräften. Wenn es gelingt, Lernprozesse hierdurch in Gang zu setzten, steigen die Chancen, dass es Freude bereitet. Damit kann insbesondere die Resilienz bei „Fehlschlägen“ zunehmen.
Zuhause ist kein zweites Klassenzimmer
Eltern sollten nicht jeden Abend dafür sorgen müssen, dass der Schulstoff sitzt. Sie sind nicht dafür da, den Unterricht zu Hause fortzusetzen oder jede Lücke zu schließen. Viele Familien versuchen nachmittags und abends mit erschöpften oder verzweifelten Kindern den Stoff nachzuarbeiten, den Schule nicht nachhaltig vermitteln konnte. Das ist belastend für alle Beteiligten.
Wenn das Lernen zu Hause immer wieder eskaliert, ist das kein Zeichen dafür, dass das Kind mehr Druck, Disziplin oder Motivation braucht. Hinter Wut, Rückzug, Tränen oder Verweigerung können so viele Ursachen liegen, darunter Überforderung, Erschöpfung, Angst vor Fehlern oder Unklarheit.
Wir dürfen das Verhalten eines Kindes zum Anlass nehmen innezuhalten und zu fragen: Was ist gerade los und was braucht mein Kind jetzt?
Erst die Beziehung, dann die Aufgabe
Wenn ein Kind stark angespannt ist, helfen Erklärungen und Ermahnungen in der Regel ohnehin nicht weiter. Dann sollte die Aufgabe warten. Eine Unterbrechung kann der erste Schritt sein, damit aus einer verfahrenen Situation wieder eine überschaubare wird.
Ein Satz wie „Ich sehe, dass es gerade schwer ist“ oder „Wir müssen nicht alles auf einmal lösen“ kann mehr bewirken als eine weitere Aufforderung, endlich anzufangen. In meinem Material Wenn Schule zu viel wird lautet die Reihenfolge deshalb: erst unterbrechen und stabilisieren, dann gemeinsam entscheiden, ob und wie es weitergeht.
An manchen Tagen reicht eine Unterbrechung, frische Luft, etwas zu essen, Ruhe oder ein kurzes Gespräch über ein ganz anderes Thema. Und an anderen Tagen ist es vielleicht die passende Entscheidung einfach aufzuhören und mit der Schule Rücksprache darüber zu halten, was wirklich wichtig ist. Wir sollten das Wohl des Kindes immer über schulische Erwartungen setzen. Auch dann, wenn es zu unangenehmen Diskussionen an anderen Fronten führen kann.
Dieser Rückhalt stärkt Kinder nachhaltig. <3
Entlastung heißt nicht, dass Schule egal ist
Das bedeutet natürlich nicht, dass Leistung und Schule völlig egal sind, sondern rückt die Prioritäten wieder zurecht. Lernen und Prüfungen sind nicht bedeutungslos. Trotzdem dürfen sie nicht so viel Raum einnehmen, dass der Familienalltag vor allem aus Kontrolle, Streit und schlechtem Gewissen besteht. Zuhause muss nicht der Ort sein, an dem schulische Anforderungen um jeden Preis durchgesetzt werden.
Wenn gewisse Aufgaben regelmäßig zu Konflikten führen, lohnt es sich – vielleicht sogar gemeinsam mit der Schule – nach alternativen Lösungen zu suchen, statt den Druck zu Hause immer weiter zu erhöhen.
Für mich sollte Schule ein Raum sein, in dem fachliches Lernen, Gemeinschaft und Persönlichkeitsentwicklung zusammengehören. Das bedeutet auch ernst zu nehmen, was schulische Anforderungen im Leben eines Kindes und seiner Familie auslösen.
Für mich gilt: Beziehung vor Leistung – immer.
Nicht, weil Lernen unwichtig ist, sondern weil Zuhause ein geborgener Ort bleiben sollte, an dem ein Kind weiß:
Unsere Beziehung hängt nicht an meiner Leistung.
Zum Weiterlesen
„Wer sich wohl und zugehörig fühlt, lernt besser“ – Universität Bern: über Beziehungen, Emotionen und Motivation beim Lernen.
„Hausaufgaben machen Kinder nicht klüger“ – Deutsches Schulportal: Interview mit Remo Largo über Hausaufgaben und Leistungsdruck.
