Warum ich meine sichere Verbeamtung aufgegeben habe
Eine Frage, die mir häufig gestellt wird, lautet: „Warum gibst du eine sichere Verbeamtung auf?“
Es war ein Prozess
Es gab dafür nicht einen einzelnen Auslöser, sondern die Entscheidung war das Ergebnis eines langen Prozesses. Ich arbeitete gerne mit jungen Menschen. Gleichzeitig begegneten mir immer häufiger Kinder, die unter schulischem Druck litten, Familien, die erschöpft waren, und Lehrkräfte, die trotz großen Engagements immer wieder an ihre Grenzen stießen.
Diese Beobachtungen waren für mich keine voneinander getrennten Einzelfälle. Sie fügten sich nach und nach zu einem Gesamtbild zusammen. Mich beschäftigten die Strukturen, die beeinflussen, wie Schule erlebt und gestaltet wird.
Und am allermeisten irritierte mich, wie selbstverständlich sich viele Menschen mit den bestehenden Strukturen arrangierten.
Ich fragte mich immer häufiger, warum wir so viel Energie darauf verwenden, uns an das Schulsystem anzupassen, statt darüber nachzudenken, wie Schule besser gestaltet werden kann. Für mich geht es nicht nur darum, Probleme zu benennen. Ich frage mich auch, was Kinder brauchen, um sich entwickeln zu können. Wie könnte Schule besser gestaltet werden? Diese Fragen prägten meinen Alltag, ließen mich nicht los und reduzierten stetig meine eigene Motivation.
Irgendwann war für mich klar: Ich möchte keine Lehrerin in diesem Schulsystem mehr sein.
Wie aus meinen Gedanken ein Buch wurde
Doch bevor ich diesen Schritt ging, setzte ich mich an meinen Laptop und begann, meine Gedanken aufzuschreiben. Ohne Plan und ohne die Absicht, ein Buch zu schreiben. Ich wollte einfach verstehen, was mich eigentlich beschäftigt und zermürbt hatte. Je länger ich schrieb, desto deutlicher wurde mir, dass sich viele meiner Erfahrungen – als Schülerin, als Lehrerin, als Mutter und als Elternbeiratsmitglied – gegenseitig ergänzten.
Immer wieder führten sie mich zu derselben, vermeintlich banalen Frage: „Was machen wir da eigentlich?„
Das Schreiben half mir, meine Gedanken zu sortieren und Verbindungen zwischen meinen Erfahrungen zu erkennen. Mit jeder weiteren Idee entstand ein klareres Bild davon, wie Schule auch aussehen könnte. Ich begann, wissenschaftliche Erkenntnisse, bestehende Reformansätze sowie unterschiedliche Meinungen und Aspekte zusammenzudenken. Daraus entwickelte sich Schritt für Schritt der Entwurf, der heute die Grundlage meines Buches „Mama, ich will die Schule abfackeln!“ bildet.
„Ja, ich kann gehen. Aber die Kinder müssen bleiben.„
Gleichzeitig drängte sich der Gedanke auf: „Ja, ich kann gehen. Aber die Kinder müssen bleiben.“
Dieser Satz kann ein schlechtes Gewissen auslösen. Er appelliert an die eigene Verantwortung, und „Was wäre, wenn alle gehen würden?“ ist eine naheliegende Folgefrage. Meine einfache Antwort darauf: Dann würde das Schulsystem nicht mehr weitergetragen. Vielleicht entstünde daraus sogar die Chance, Bildung neu aufzubauen.
Am Ende steht es natürlich jeder Lehrkraft frei, für sich selbst zu entscheiden. Mir ist dabei jedoch wichtig, das Bestehende nicht als alternativlos hinzunehmen und die vielfältigen Herausforderungen anzugehen.
Meine Entscheidung, die Verbeamtung aufzugeben
Ich habe meine Verbeamtung aufgegeben. Nicht aus Wut und nicht aus Resignation, sondern weil ich das Schulsystem nicht für richtig halte. Es widerspricht meinem Verständnis von Bildung und Entwicklung. Dabei haben mich die „bleibenden Kinder“ motiviert, meinen Gedanken eine Form zu geben, in der ich sie mit anderen teilen kann. Damit möchte ich zum Nachdenken anregen und einen Beitrag zur Schulentwicklung leisten.
Genau genommen war ich nie gut darin, mich an Strukturen anzupassen. Vermutlich steckt zu viel Eigensinn in mir. Und noch schwieriger wäre es für mich, mich langfristig einem Schulsystem unterzuordnen, das ich nicht vertreten möchte. Statt mich also daran aufzureiben, möchte ich selbstbestimmt von außen Impulse geben, Fragen stellen und wissenschaftliche Erkenntnisse mit gesellschaftlichen Erfahrungen verbinden.
Ob und wie viel daraus entsteht, liegt nicht allein in meiner Hand. Gesellschaftlicher Wandel gelingt nur, wenn viele Menschen beginnen, Fragen zu stellen, Verantwortung zu übernehmen und Veränderung mitzugestalten. Schule betrifft uns alle und ihre Gestaltung sollte gemeinsam diskutiert werden.
Bist du dabei?
Zum Weiterlesen:
Deutsches Schulbarometer: Psychische Belastung bei Kindern und Jugendlichen – Robert-Bosch-Stiftung: Die Befragung beleuchtet unter anderem schulischen Leistungsdruck, Wohlbefinden und den Wunsch nach mehr Mitbestimmung.
Mehr Lehrerinnen und Lehrer kündigen – SWR: Bericht über steigende Zahlen in Baden-Württemberg; die Statistik fasst Kündigungen von Angestellten und Entlassungsanträge von Beamten zusammen.
